REGIONALES

Dienstag, 05 Juli 2022

ZENTRUM IM WANDEL

Wer sich von Meschede aus auf den Weg über den „Stimmstamm“, einen von Wäldern umgebenen Gebirgspass macht, landet früher oder später in Warstein.

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Beste Aussichten bietet der Lörmecke-Turm im Warsteiner Wald.

Zwischen Möhne- und Hen­ne­see liegt die Stadt im Sü­den des Kreis­es Soest. „1975 wur­den wir im Rah­men der kom­mu­nalen Neuord­nung abgekop­pelt vom Kreis Arns­berg“, erzählt Bürg­ermeis­ter Man­fred Gödde. „Trotz­dem fühlt sich die Mehrzahl der Warstein­er weit­er­hin durch viele Dinge mit dem Sauer­land ver­bun­den – weit über den Schützen­bund und die Hand­w­erk­skam­mern hi­naus.“ Unum­strittenes Aushängeschild der Stadt ist seit Jahrzeh­n­ten die Warstein­er Brauerei, die sich vom Hand­w­erks­be­trieb zum mod­er­nen Marken­er­leb­niszen­trum en­twick­elt hat und pro Jahr rund 50.000 Gäste empfängt.

Zu einem ganz be­son­deren Pub­likums­mag­neten hat sich darüber hi­naus die Warstein­er In­ter­na­tio­nale Mon­gol­fi­ade en­twick­elt, die der langjährige Brauereichef und begeis­terte Bal­lon-Pi­lot Al­bert Cramer 1986 grün­dete und die in die­sem Jahr ihr 25-jähriges Ju­biläum feiert. „Bei gutem Wet­ter spült die Ve­r­an­s­tal­tung an zehn Ta­gen rund 200.000 Be­such­er in unsere kleine Stadt“, so Man­fred Gödde. Der Bürg­ermeis­ter freut sich aber nicht nur über den punktuellen touris­tischen Auf­sch­wung: „Wenn man mor­gens aus dem Fen­ster guckt und an die 100 Bal­lons über einem ste­hen, ist das ein­fach ein gi­gan­tisch­es Bild.“

Darüber hi­naus zie­hen auch Wild­park, Tropf­stein­höh­le und der Lörmecke Turm, dessen Aus­sicht­s­platt­form auf 580 Me­tern über NN an klaren Ta­gen ein wun­der­bares Pano­ra­ma über Ev­ers­berg, Meschede, Best­wig und Warstein bi­etet, über das Jahr viele Be­such­er an. Auch die Ar­chitek­tur des Turms ver­weist übri­gens auf die ort­san­säs­sige Brauerei: Die über Kreuz ge­führten Rund­hölz­er ergeben die Sil­hou­ette eines überdi­men­sio­nalen Bier­glas­es.

Während es in den meis­ten der ne­un Warstein­er Ort­steile meist recht beschaulich zuge­ht, vol­lzie­ht sich im Zen­trum zurzeit ein Wan­del. Ge­plant sind um­fassende Um­bau­maß­nah­men, die mit För­der­mit­teln des Lan­des umge­set­zt wer­den. In der Nähe des Rathaus­es soll beispiel­sweise das so­ge­nan­nte Domvier­tel neu ges­tal­tet wer­den. Ver­hand­lun­gen mit den Mi­etern laufen, und wenn es nach dem Bürg­ermeis­ter ginge, kön­n­ten die Bag­ger an­rollen. Auch die In­hab­er der gut sortierten Fachgeschäfte, die es in der klei­nen Einkaufss­traße durchaus gibt, dürften die ge­plante Aufw­er­tung des Stadtk­erns be­grüßen. „Es wäre natür­lich schön, den vorhan­de­nen Leer­s­tand zu re­duzieren“, meint Man­fred Gödde. „Be­son­ders La­den­lokale zwischen 40 und 50 Qua­drat­me­ter Größe sind sch­w­er zu ver­mi­eten, aber da sind wir hi­er in Warstein kein Einzel­fall. Der Han­del muss sich die Frage stellen, wie er sich verän­dern und verbessern kann. Wenn das Ange­bot in­teres­sant ist, wird vor Ort gekauft“, ist der Bürg­ermeis­ter überzeugt.

Ein weit­eres The­men­feld ist die Zeit nach Beendi­gung des Stein­ab­baus. Warstein ver­fügt über ein natür­lich­es Vorkom­men an reinem Kalk­stein, große Stein­brüche prä­gen das Bild der Stadt. Wo nicht mehr gear­beit­et wird, ge­hen heute Klet­ter­er die Wände hoch. An weit­eren Um­nutzun­gen der ent­sprechen­den Areale ar­beit­en Fachin­ge­nieure, doch auch die Bevölkerung wird in den Ges­tal­tungsprozess der Stadt einge­bun­den – so&nb­sp; gibt es et­wa Ar­beits­grup­pen, die sich mit der Of­fen­le­gung von Bach­läufen und ähn­lichen Maß­nah­men beschäfti­gen. Bürg­ermeis­ter Gödde ist ange­tan – nur dauert es ihm meis­tens ein wenig zu lange mit der Bürokratie und den Geneh­mi­gun­gen. „Ein­fach mal machen, das kann eine Kom­mune eben nicht“, be­dauert er.

An­son­sten wäre das größte Problem der Stadt Warstein wohl längst gelöst: die leidige B 55 – eine Haupt­s­traße, die mit­ten durch die Stadt führt. „Je­den Tag kom­men darüber 20.000 Fahrzeuge di­rekt durch Warstein. Ein un­halt­bar­er Zu­s­tand“, fin­d­et Man­fred Gödde. Doch auch hi­er müssen dicke Bret­ter ge­bohrt wer­den, die Fein­ab­s­tim­mung zwischen Straßen NRW, Min­is­teri­um, Bun­de­sumwel­tamt und BUND ist ein Großpro­jekt. „Aber Kopf in den Sand steck­en gibt’s nicht, es muss weit­erge­hen“, gibt sich Man­fred Gödde hart­näckig.

 

Der Ort­steil Belecke be­her­bergt die meis­ten In­dus­trie­un­terneh­men der Stadt, darun­ter mit der Infi­neon AEG ei­nen Welt­markt­führ­er und viele ge­sunde Un­terneh­men un­ter an­derem aus der kun­st­stof­fverar­bei­t­ende In­dus­trie. „Die Ar­beit­s­losen­quote liegt un­ter 5 Prozen­t“, berichtet Man­fred Gödde, spricht allerd­ings im gleichen Atemzug ein weit ver­breit­etes Problem an: „Fachkräfte im Bereich Elek­tronik sind allerd­ings auch hi­er Man­gel­ware.“

Und wer jet­zt denkt, der Warstein­er blicke nicht über den Teller­rand, der ir­rt. „Die Völk­erver­ständi­gung wird hi­er wirk­lich gelebt“, de­men­tiert Man­fred Gödde das weitver­breit­ete Vorurteil, die Sauer­län­der seien nicht son­der­lich weltof­fen. So wer­den vi­er Städte­part­n­er­schaft seit vielen Jahren in­ten­siv gepflegt, im Mai wird sich eine Del­e­ga­tion aus Warstein mit vi­er Bussen auf den Weg in die franzö­sische Stadt Saint-Pol-sur-Ter­noise machen, mit der es seit den Sechziger­jahren eine enge Verbin­dung gibt. Auch mit Pi­e­tra­pau­la beste­ht reger Aus­tausch. Aus der kalabrischen Stadt gin­gen in den Sechziger­jahren viele Gas­tar­beit­er nach Warstein, wo sie et­wa in den Beleck­er Sch­miede­be­trieben einge­set­zt wur­den. Das hat Spuren hin­ter­lassen, weiß Man­fred Gödde: „Pi­e­tra­pau­la hat heute 800 Ein­woh­n­er – wenn dort fünf Opas auf der Bank sitzen, sprechen vi­er von ih­nen deutsch.“